Verweile doch, du bist so schön! – Kleine Polemik

Dass Menschen geradezu süchtig nach besonderen Momenten sind, weiß man nicht erst seit Goethe. Unsere gesamte Kultur – im weitesten Sinne – ist darauf ausgerichtet, emotionale Höhepunkte zu erzeugen. Das zieht sich vom „schönsten Tag des Lebens“ über den „perfekten Urlaub“, den Gewinn eine Fußballspiels unseres Lieblingsvereins durch sämtliche Unterhaltungsformate, Literatur, Fernsehen, Kino, Theater, bis hin zu Oper und Konzert.

Wir klassischen Musiker haben mit den „besonderen Momenten“ allerdings ein wachsendes Problem. Mit Recht erwartet das Publikum diesen Zauber gerade von uns. Standardisierte Konzert-Rituale mit (unter uns gesagt) ebenfalls quasi standardisierten Darbietungen des immergleichen Standard-Repertoires lassen die Anziehung zwischen Darbietenden und Publikum jedoch allmählich erlahmen. Es fehlt das Neue, die Überraschung, das Kribbeln der Erwartung. Die Situation erinnert ein wenig an ein alterndes Ehepaar. Man kennt sich, aber die vergangenen Höhepunkte erscheinen farbiger, stärker, erschütternder als das, was man gerade durchlebt. Um der subventionierten Lethargie des Abonnements zu entfliehen, stürzt sich die Kultur-Branche in Klassik-Events – Mutti kauft Reizwäsche. Cross-Over ist ja so angesagt – manche Paare versuchen’s auch im Swinger-Club.

Ich glaube, beides hilft nicht. Es ist ja nur Mimikry. Wir ändern nichts Substanzielles. Wir suchen einfach besonders attraktive, besonders junge, besonders neue Künstler und geben mehr Geld für die Werbung aus.

Unser Problem ist, dass der Konzertsaal unter seiner jungen, attraktiven Hochglanz-Oberfläche zu einer schlechten Mischung aus Museum und Kirche verkommen ist. Der größte Teil des gespielten Repertoires ist mehrere hundert Jahre alt und wurde schon viele Tausend Male aufgeführt = Museum. Die Werke sind Leuchttürme des menschlichen Geistes, großartig, komplex und oft nicht leicht zugänglich = Museum. Jegliche Änderung an den Werken oder am Stil ihrer Aufführung ist bei Androhung der Exkommunikation strengstens untersagt = Kirche.

Scheinbar gewähren wir zwei Bereichen etwas mehr Freiheit, der Historisch Informierten Aufführungspraxis und dem Klassik-Pop-Crossover. Näher betrachtet bewegen sich aber auch diese Sparten in eng abgesteckten Feldern und auf absolut vorhersehbaren Bahnen.

Vorhersehbarkeit ist das Gift – überraschende, im Heute verwurzelte Interpretation das Gegenmittel.

Musik ist nicht denkbar ohne Interpretation, denn unsere Notenschrift ist unvollständig! Nichts ist genau festgeschrieben! Das über Jahrhunderte gewachsene System ist lediglich eine Anhäufung relativer Bezüge und historischer Übereinkünfte, die sich von Epoche zu Epoche verändern. Das Geniale daran: durch die Interpretation wird eine Aufführung so zwangsläufig zu einer Mischung von Vergangenheit und Gegenwart. Die Gedanken und Gefühle des Komponisten (Vergangenheit) werden gespiegelt in den Gedanken und Gefühlen des Interpreten (hier, heute, jetzt!). Diese einzigartige Mischung erzeugt das Konzerterlebnis.

Wir sollten unsere Interpreten wieder vom Model zum Künstler befördern. Unsere Welt, die sich mit täglich wachsender Geschwindigkeit verändert, sollte im Konzertsaal nicht ausgesperrt bleiben. Sie gehört mitten auf die Bühne!

Wenn wir die überkommenen Werke nicht mehr zelebrieren, sondern uns mit ihnen auseinandersetzen, uns an ihnen reiben, sie verändern, herausholen was uns fasziniert, weglassen was uns langweilt, mit Klängen experimentieren,…

…dann erleben wir im Konzert wieder Überraschungen, dann gibt es wieder „besondere Momente“.

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