Ist Denken Sprache und Fühlen Musik? 

Über die Entstehung des Musik-Theaterstücks „111 – Übern Berg“

Menschliches Denken ist immer eine Mischung aus Emotion, Assoziation und Logik. Darum sind wir so versessen auf Geschichten. Wir wollen nachempfinden, was jemand in einer bestimmten Situation fühlt, mitdenken über mögliche Lösungen und beobachten, wie er da wieder rauskommt. Im besten Fall ziehen wir dann aus der Geschichte unsere Schlüsse und haben nicht nur etwas erlebt, sondern auch etwas gelernt. So wird menschliche Kultur weitergegeben, und so funktioniert auch Musik.

Natürlich ist Musik eine emotionale Kunst. Wie Sprache aber nicht ausschließlich Information übermittelt sondern ebenfalls emotional wirkt, ist Musik als Kunstform zur Darstellung komplexer (und oft erstaunlich konkreter) Gedanken in der Lage.

Als Interpret versuche ich, diese Gedanken meinen Zuhörern verständlich zu machen. Das brachte mich auf die Idee zu „111 – Übern Berg“.

Wir – Detlef Vetten und ich – wollten ein Stück über die Klassik schreiben. Uns beschäftigt die Frage, ob die Gedanken der Aufklärung nicht mehr gültig sind – ein Postulat, das man heute häufig hören kann. 

Es sollte eine Erzählung fürs Theater werden, die möglichst authentische Geschichte eines Menschen unter dem Druck einer extremen Situation. 

Die Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Thema geschieht im Hintergrund, bleibt nur als Echo der geschilderten Ereignisse hängen. 

Und es sollte ein Stück über die Musik der Klassik werden. Auch sie folgt dem gleichen Prinzip: wie bei einem 3D-Bild entsteht aus der Oberfläche der Motive, Themen und Harmonien in der Tiefe eine Erzählung, eine individuelle Geschichte des Entstehens, des In-Frage-Stellens und der Lösung im Triumph oder Vergehen.

Als ich den fertigen Text von Detlef Vetten dann in den Händen hielt, wusste ich, dass wir auf der richtigen Spur waren: Vetten betrachtet die Epoche der Klassik wie nebenbei, wie im Rückspiegel, während er vorwärts durch seine Erzählung rauscht. 

Der späte Beethoven tat genau das Gleiche! 

Knapp 200 Jahre vor „Übern Berg“ rauschte Beethoven durch den Kosmos seiner letzten Klaviersonate (der op. 111) und blickte nebenbei – wie im Rückspiegel – auf die von ihm soeben beendete Epoche der Klassik.

Ich zerriss also die op. 111 in einzelne Abschnitte – musikalische Gedanken – und verband sie mit den Gedanken und Geschichten aus Vettens Text. 

Im Interesse sinnlicher Klarheit erweiterte ich das Klangbild: zum harten, perkussiven Klavier Beethovens kam das weiche, orgelhafte Akkordeon. Diese Dualität des Klanges kannte ich von Rossinis „Petite Messe solennelle“ – Rossini stellt hier den Klang von Klavier und Harmonium gegenüber (heute verwendet man anstelle des Harmoniums das Akkordeon). Eine Art von schwarz-weiß, die ausdrucksstärker sein kann als alle Farben.

Die Verfechter des Urtextes mögen mir verzeihen: Interpretation durch Bearbeitung funktioniert! Auf einmal ist Beethoven ganz leicht zu verstehen: Seine Musik spiegelt sich in Vettens Text. 

Um im Bild zu bleiben: Vettens Erzählung von 2018 und Beethovens Musik von 1822 rasen nebeneinander über den Brenner und sehen im Rückspiegel: die Klassik.

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111 – Übern Berg

Buch – Detlef Vetten
Musik – Fabian Dobler
Regie – Peter Simon

Uraufführung im Theater „Die Färbe“
als Teil des Kulturschwerpunktes „Singen im Takt“ am 22.09.2018

Schauspieler: Milena Weber, Elmar F. Kühling, Simon Wenigerkind 

Musiker: Antje Steen, Fabian Dobler

„111“ ist der Code für die letzte Klaviersonate, die Ludwig van Beethoven schrieb. Mit ihr verabschiedete sich der todkranke Komponist von seinem Hauptinstrument, dem Klavier – und von der Epoche der Klassik, die er in diesem Werk noch einmal zusammenfasst und zu Grabe trägt.

„Übern Berg“ ist eine heutige, sehr reale Nachtwanderung über den Brenner, ein 65 km langer Gewaltmarsch an die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit durch Schnee, Eis und Polizeikontrollen. In der Einsamkeit der Nacht wird es ein Gang durch die Jahrhunderte in einer Region, die immer schon Grenze war. Der Brenner war das Tor ins gelobte Land der Klassik (Goethes „Land wo die Zitronen blühen“) und ist die offene Wunde Europas, an der sich entscheidet ob die Ideale von Klassik und Aufklärung Bestand haben. 

So beschäftigt sich Detlef Vetten in zum Teil witzigen Geschichten die ihm bei seinem Trecking-Abenteuer begegnen unwillkürlich mit den zentralen Gedanken der Klassik – dem Individuum, der Rationalität und der Selbstbestimmung.

Und trifft dabei die Gedankenwelt und den Humor Beethovens.

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