Geht Musiktheater nur so, wie wir es kennen?

Über die Entstehung von „Übern Berg“

Oper ist ein Wahnsinnsmedium! Die Verbindung von Erzählung und Musik schafft Momente von fast unwirklicher Schönheit und Intensität…

Aber Oper ist auch absurd: das Ergebnis des Zusammenzwingens zweier eigenständiger Kunstformen – dramatische Dichtung und Musik – und somit ein Bündel von Kompromissen. 

Die Gleichzeitigkeit von Sprache und Musik erschwert die Wahrnehmung und führt notgedrungen zu starker Vereinfachung. Das Libretto, also der Text einer Oper beschränkt sich meist auf wenige Sätze, die oft wiederholt werden, oder – wie bei Wagner – durch zahllose Alliterationen sinnfrei aufgebläht erscheinen. 

Handlung – weil auf einer Bühne mit singenden Menschen faktisch nicht darstellbar – wird ausgeklammert und zwischen die Akte, also ins Programmheft verlegt. 

Auch dramaturgisch fordert das Medium seinen Tribut: die Selbstdarstellung singender Figuren treibt jeden ernstzunehmenden Regisseur in die Verzweiflung. Wer, außer dem Klischee des angetrunkenen Vertreters in der Bar, erzählt in längerem (gesungenen!) Monolog, wer er ist und wie toll er ist… und wen würde das interessieren? Genau so aufgebaut ist aber das Auftrittslied des „Escamillo“ in Carmen, die erste Arie des „Rodolfo“ und die der „Mimi“ in La Bohème, das Lied des „Papageno“ in der Zauberflöte – ich kann diese Liste beliebig verlängern! 

Interessanterweise ist auch die Musik in der Oper fast immer weniger komplex, weniger vielschichtig als in sinfonischer Literatur, in der Kammermusik oder auch im Lied. Klar – die große Form und die Handlungsvorgabe des Librettos fordern eine gewisse Größe der musikalischen Geste – ein expressives Ölgemälde mit breitem Pinselstrich, keine Tuschzeichnung!

Detlef Vetten und ich fragten uns, ob das nicht anders geht.

Wir suchten nach einer Möglichkeit, einen modernen Theatertext (keinen Gesang) ohne die genannten Einschränkungen eng mit interessanter, komplexer – möglichst klassischer – Musik zu verbinden.

Unsere Hauptfigur sollte unter dem Druck einer extremen Belastung durch eine Reihe von ungewöhnlichen, dramatischen, z.T. auch lustigen Begebenheiten geführt werden und dabei Erkenntnisse über das menschliche Leben gewinnen – Theater eben.

Die Musik sollte die Höhe des Gedankens halten, als Sparring-Partner im besten Sinne Gegenpart und Ansporn gleichzeitig und nicht nur für die emotionale Untermalung zuständig sein.

Nach vielen Gedanken und Gesprächen und einem gemeinsamen fast selbstmörderischen Extremlauf des Nachts im November über den Brenner entstand Vettens Text „Übern Berg“. 

Meine Aufgabe war nun, die Musik dazu zu geben. Nicht illustrierend, keine Dopplung, etwas Eigenständiges, Vielschichtiges – und es muss mit dem Text zusammen funktionieren!

Der Schluss von Vettens Erzählung zeigte mir, wie: Vettens „Wanderer“ ist einen langen Weg gegangen und entscheidet sich mit wehmütigem Lächeln für Abschied vom Alten, Sicheren und den Schritt in eine ungewisse Zukunft. Genau dasselbe tat Ludwig van Beethoven in den letzten Takten seiner Sonate op. 111, mit der er den Zyklus seiner 32 Klaviersonaten – das zentrale Werk seines Lebens – beendete. Ich hatte meine Parallele gefunden!

Ich fing also an, Beethovens op. 111 den Gedanken unseres Theaterstücks folgend zu analysieren, auseinander zu nehmen und eng verknüpft mit dem Text neu zusammenzusetzen. 

So wie Vetten seinen Text – obwohl er die Erlebnisse und Gedanken nur eines Einzelnen beschreibt – auf 3 Schauspieler verteilt, entschied auch ich mich gegen das originale Solo-Klavier. Ich wollte eine größere Spannweite von Klängen, und der Fokus des Publikums sollte nicht von der virtuosen Selbstdarstellung eines Pianisten gefangen sein. Die Emotion der Musik sollte objektiver, vielleicht sogar „größer“ wahrgenommen werden und beim Publikum auch wirklich ankommen. Deshalb stellte ich dem perkussiven, dramatischen Klavier den objektiveren, weicheren, orgelhaften Klang des Akkordeons gegenüber. 

Die Arbeit entwickelte ein Eigenleben und irgendwann drehten sich die Verhältnisse: die Musik illustriert nicht mehr den Text, sondern Vettens Text wird zur Deutung von Beethovens Musik. 

Tatsächlich überraschte mich Peter Simon, der von mir hoch geschätzte, obwohl überhaupt nicht Musik-affine Regisseur in den Proben unseres Stückes immer wieder mit seiner Aufforderung an die Schauspieler: „Hört zu! Nehmt den Gedanken aus der Musik!“

So könnte Musiktheater auch gehen…

„Das Theater erfindet sich neu!“

Das schreiben die Kritiker:

Übern Berg

Buch – Detlef Vetten
Konzept und musikalische Bearbeitung – Fabian Dobler
Regie – Peter Simon

Uraufführung im Theater „Die Färbe“, Basilika, Singen
als Teil des Kulturschwerpunktes „Singen im Takt“ am 22.09.2018, 20:00 Uhr
Vorstellungen bis 20.10. Mi-Sa, 20:30 Uhr, nicht am 18.10.

Schauspieler: Milena Weber, Elmar F. Kühling, Alexander Klages
Musiker: Antje Steen, Fabian Dobler

Eine Nachtwanderung über den Brenner, ein 65 km langer Gewaltmarsch an die Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit durch Schnee, Eis und Polizeikontrollen.

In der Einsamkeit der Nacht wird der leichtsinnige Selbsterfahrungstrip zum Gang durch die Jahrhunderte in einer Region, die immer schon Grenze war. Der Brenner war das Tor ins gelobte Land der Klassik (Goethes „Land wo die Zitronen blühen“) und ist heute die offene Wunde Europas, an der sich entscheidet ob die Ideale der Klassik und Aufklärung Bestand haben.

So beschäftigt sich Detlef Vetten in zum Teil witzigen Geschichten, die ihm bei seinem Trecking-Abenteuer begegnen, unwillkürlich mit den zentralen Fragen des Menschseins – dem Individuum, der Selbstbestimmung, Leben und Tod.

Und trifft die Gedankenwelt und den Humor Beethovens.

Genauer: die „Op. 111“, Beethovens letzte Klaviersonate – jene Sphinx, mit der sich der todkranke Komponist von seinem Instrument und auch von seiner Epoche mit wissendem Lächeln verabschiedete. Eng verwoben mit Vettens Theatertext denkt eine dekonstruierte und in der klanglichen Dualität Klavier-Akkordeon neu aufgebaute Version des rätselhaften Werkes die Worte mit und zeigt sich emotional, amüsant, wild – und ganz einfach zu verstehen.

Beethovens musikalische Gedanken werden nachvollziehbar durch die Bezüge zum jeweiligen Text.
„Übern Berg“ verbindet Text und Musik tatsächlich auf eine neue Art.

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Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Man stellt sich oft verrückte Aufgaben. Von der Bewältigung dieser Aufgaben erhofft man sich Erkenntnisse, die einem helfen sollen bei der Bewältigung der Einen Großen Aufgabe – dem eigenen Leben.

Aus diesem Grund geht man „Übern Berg“ – und aus diesem Grund macht man Theater.

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Detlef Vetten und ich lernten uns kennen anläßlich eines Interviews, das er als Chefredakteur des Opernmagazins „orpheus“ mit mir über mein Ensemble [OPERASSION] und meine meist etwas verrückten Projekte hielt.

Wir trafen uns in Berlin am Bahnhof Zoo. Ich kam mit dem Flixbus.

Vetten hatte vor kurzem ein Interview mit einem berühmten Kollegen meiner Zunft geführt und war nachhaltig beeindruckt vor allem von dessen maßgefertigten Schuhen, preislich angesiedelt in der Größenordnung des Monatsgehalts eines Besserverdienenden.

Ich trug Jeans, irgendein T-Shirt – und meine Turnschuhe hatten schon viele Strecken gesehen…

Vetten erkannte mich zunächst nicht, dann entspannten sich seine Gesichtszüge: wir hatten sofort einen Draht zu einander.

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Irgendwann beschlossen wir, zusammen ein Theaterstück zu schreiben. Text und Musik sollten auf ganz neue Weise eng ineinander greifen – inhaltlich wollten wir eine Brücke von den Gedanken der Aufklärung in die Gegenwart schlagen, musikalisch sollte es mit „Klassik“ zu tun haben.

Vetten kommt vom Journalismus, er verknüpft Themen mit Orten. Beim Stichwort „Klassik“ kam von ihm sofort „Brenner“. Der Brenner war Goethes Italienreise und ist heute Prüfstein, was von der Aufklärung noch übrig ist.

Vetten ist auch Extremsportler – er macht Ultra-Langstreckenläufe. Also kam recht schnell das Thema „Nachtwanderung über den Pass“ auf. Das passte mir, dem Musiker nun wieder perfekt, ich dachte nur: Beethoven – durch Nacht zum Licht – ich bin dabei!

Au wei: die Wanderung machten wir dann wirklich. 65km durch die Nacht bei minus 10 Grad… ich wär’ fast gestorben.

Aber wir schrieben das Stück. Und jetzt wird es aufgeführt… 

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