Schubert – kann Musik Philosophie?

Schubert ist ein Rätsel. Oberflächlich betrachtet ist seine Musik eher schlicht, manchmal fast naiv. Ihm fehlt die Konstruktion eines Beethoven, die Melodik eines Puccini und die harmonische Fantasie eines Wagner. Er ist nicht besessen wie Schumann, nicht elegant wie Mendelssohn, er sucht keine neuen Welten wie Berlioz oder Liszt: sein Tonsatz ist eher rückwärts gewandt, mehr Klassik als Romantik.

Und doch entwickelt er unglaubliche Fähigkeiten: Schubert komprimiert das Universum menschlichen Empfindens in die Miniatur eines Liedes. Er schreibt einen Dur-Dreiklang in ein Streichquartett – und die Welt bricht zusammen. Für den glaubhaften Ausdruck psychologischer Extreme genügen ihm musikalisch die einfachsten Mittel. Mit Blick auf die „Gefrorenen Tränen“ in der Winterreise kann fast schon von „Minimal Music“ sprechen.

Ein Komponist definiert durch die Wahl seiner Mittel die Null-Linie im Koordinatensystem seines Universums. Je disziplinierter er seine Mittel einsetzt, desto stärker ist deren Wirkung. Von 10 möglichen Punkten erreicht Schubert in dieser Disziplin 100.

Seine Alleinstellung sieht man auch daran, dass er musikgeschichtlich keiner Schule zuzuordnen ist. Er bricht mit den meisten Traditionen der Klassik und schreibt doch in klassischer Tonsprache. Er ist ein Wegbereiter der Romantik und doch ist ihm das Pathetische, der große Gestus völlig fremd. Sein Schaffen ist singulär, er entstammt keiner Schule und begründet keine Tradition.

Für den Interpreten ist Schuberts Musik eine unerbittliche Prüfung. Der schmale Grat zwischen Kunst und Kitsch gleicht in diesem Fall einer Rasierklinge.

Es tat weh, diese Lektion zu lernen. Während meines Klavier-Studiums stürzte ich mich mit jugendlicher Leidenschaft in einen Stapel von Schubert-Sonaten. Schon im pubertären Liebeschaos war mir eine Aufnahme der Winterreise emotionaler Ankerpunkt gewesen – nun wollte ich dieses Universum wunderbaren Weltschmerzes endlich selbst erobern. Ich hatte dabei großen Spaß, meine Lehrer und das Publikum diverser studentischer Hauskonzerte wohl eher weniger. Mein emotionaler Überdruck stand in krassem Gegensatz zur Langeweile, die mein Spiel beim Publikum auslöste. Leidenschaftliches Surfen auf der emotionalen Welle, die die Komposition vorgibt – ein Rezept, das in der Romantik eigentlich immer funktioniert – erwies sich bei Schubert als der völlig falsche Ansatz.

Wie man es richtig macht, zeigte mir Radu Lupu. Unsere Klavierklasse war von Hannover aus fast vollzählig in das damals noch Braunkohl-trübe Grenzkaff Helmstedt gepilgert, in dem einer der seltenen Auftritte des exzentrischen Pianisten stattfinden sollte. Auf dem Programm stand Schubert. Ich fühlte mich zuständig und war gespannt. Schmerzlich, in Zeitlupe, wie nach einer Rücken-OP schritt der Meister auf die Bühne, nahm Platz ohne das Publikum eines Blickes zu würdigen und begann zu spielen. Er wirkte dabei völlig unbeteiligt! Zurückgelehnt und unter Vermeidung jeder unnötigen Bewegung spulte er sein Programm ab – äußerlich wie ein Sachbearbeiter, der Zahlen in eine Excel-Tabelle eingibt. Ich wollte mich schon aufregen, da bemerkte ich, wie sehr die Musik in seinen Händen glühte! Man hatte den Eindruck, Lupu werde zu einem Medium, einer Durchgangsstation für Schubert selbst. Tatsächlich war dies eines der emotionalsten Konzerterlebnisse, die ich je hatte!

Lupu war stark genug, Schubert selbst sprechen zu lassen. Obwohl Schubert ein Brennpunkt der romantischen Ich-Bezogenheit, der theatralen Schilderung individuellen Leidens ist, erkannte und respektierte Lupu Schuberts Tonsprache in ihrer klassischen Disziplin und Sparsamkeit.

Schuberts Musik ist wie ein Kupferstich, der beim Betrachter die Assoziation von Farben auslöst. Als Interpret muss ich mit spitzer Feder die feinen Linien nachzeichnen und darf nicht der Versuchung erliegen, mit dickem Pinsel lustvoll in die Ölfarben zu greifen, auch wenn ich die noch so klar vor mir sehe. Aber vor mir sehen muss ich sie!

Zwar ist Schuberts Tonsatz klassisch, doch die Musik die er schreibt, hat mit Klassik nichts zu tun!

In der musikalischen Klassik herrscht das duale Prinzip: Spannung-Entspannung, Hauptthema-Seitensatz, Tonika-Dominante, etc… Ob es um einen Ausgleich der Elemente in Harmonie geht wie bei Mozart oder um das Ergebnis einer Auseinandersetzung im Sinne des dialektischen Prinzips These-Antithese-Synthese wie bei Beethoven, macht dabei keinen Unterschied.

Schubert löst sich von diesem Prinzip. Seine Kunst ist erzählend, seine Metapher die Reise. Wo Beethovens Themen dialektisch-dramatisch Konflikte austragen, reist Schuberts mit seinen Themen durch verschiedene harmonische Welten. Die Themen selbst verändern sich nicht, aber ihre Wahrnehmung durch den Zuhörer ist am Ende der Reise eine Andere.

Für einen Interpreten ist das fast schon die Höchststrafe: in der Musik passiert eine entscheidende Veränderung – aber die Töne bleiben unverändert und man darf sie auch nicht anders spielen. Trotzdem soll der Hörer es merken!

Ein einfaches Beispiel: „Die Forelle“

Das scheinbar harmlose Liedchen kennt eigentlich jeder, Schubert hat es auch zum Thema des Variationssatzes seines „Forellenquintetts“ gemacht. Einfache Harmonik, ein perlendes Motiv und eine kleine springende Melodie symbolisieren das sprudelnde Bächlein und die Lebensfreude des schnellen Fisches. Dann kommt der Angler, trübt das Wasser und tötet die Forelle. Die letzte Textzeile des Erzählers „…und ich, mit regem Blute, sah die Betrog’ne an“ zitiert exakt Melodie und Begleitung des Anfangs. Exakt. Gleiche Tonart, gleiches Motiv, gleiches Tempo! Nur tummelt sich der Fisch nicht mehr glücklich im Wasser, sondern liegt sterbend am Ufer. Schnappt nach Luft in tonlosem Entsetzen…

Und das Gleiche ist nicht mehr das Gleiche. Das Erlebte verändert die Wahrnehmung.

Schuberts Musik ist ein Gleichnis auf das Paradoxon menschlicher Existenz:

Was wir durchleben, verändert uns – aber im Kern fühlen wir uns dieselben.

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