Romantik heute

(aus dem Programmheft des neuen [OPERASSION]-Programms: Romantik 2.0)

Von wegen Rosen und Kerzenschein: die Romantik steht für den Anspruch der Kunst, Einfluss zu nehmen auf das Leben.

Zur Zeit der industriellen Revolution, als beim Entstehen großer Fabriken Menschen zur anonymen Masse wurden, entwarfen Literatur und Musik eine Gegenwelt. Der von technischer Machbarkeit und Kostendenken dominierten Realität setzten sie eine irrationale Sphäre der Assoziationen und Visionen entgegen. In ihr feierte das Individuum die Einzigartigkeit seiner Gefühle.

Die Parallelen zu unserer Zeit sind offensichtlich: die Entmenschlichung prägt alle Bereiche der Gesellschaft. Der Mensch ist Konsument oder Kostenfaktor.

Das kreative Reservoir der Künste fließt heute zum größten Teil in die Produktion von Unterhaltungsprodukten. Geniale Entwickler schufen eine gut gelaunte bunte Parallelwelt, in der Milliarden Menschen mit den gleichen Gadgets die gleichen Selfies und Kommentare posten und sich damit die Illusion ihrer Einzigartigkeit erhalten.

So leben wir in einer Art Pseudo-Romantik, deren Kunst und Unterhaltungsindustrie zwischen Harry Potter, Star Wars 7 und der großen Operngala den entscheidenden Schritt fürchtet: das Zulassen echter Individualität – den anarchischen, persönlichen kleinen Wahnsinn, der nicht auf 10.000 Likes zielt.

Im 19. Jahrhundert war die Romantik Avantgarde. Ein glücklicher Moment, in dem sich künstlerische und politische Utopie trafen. Individuelle Liebe stand als Metapher für politische Freiheit. Mystik traf auf Wissenschaft (ETA Hoffmanns Märchen, Mary Shelleys Frankenstein), Wissenschaft auf Kunst: man erforschte die synästhetische Wahrnehmung, suchte nach dem Unterbewussten. Die Kunst hatte den Anspruch, die Welt zu erklären aus der Seele des Menschen. Im Erkenntnisgewinn war sie gegenüber der Wissenschaft tatsächlich um Jahrzehnte voraus: DIE Oper über das Unterbewusste, Richard Wagners Tristan und Isolde, wurde 1854 uraufgeführt, erst 1856 kam Sigmund Freud zur Welt.

In Romantik 2.0 projizieren wir die Idee der Romantik in unsere Zeit. Dabei entsteht eine neue Art von Konzert. Wie schon vor 180 Jahren sucht die romantische Musik die ihr adäquate äußere Form. Sie muss unserer Welt entsprechen und unsere Erfahrungen und Erwartungen berücksichtigen. Eine Erwartung ist die komprimierte Erzählung. Diese Art der Verdichtung ist nicht der Niedergang der Kultur, sondern entspringt unserem täglichen Leben und findet ihren Spiegel in der Kunst.

Deshalb tritt eine Collage musikalischer Gedanken entlang des gesungenen Erzählstrangs an die Stelle der bisher üblichen hintereinander gespielten vollständigen Werke. Musik und Erzählung werden zum Auslöser individueller Assoziationen. Zeitsprünge ans Ende des 20. Jahrhunderts zum Tango Nuevo schaffen ein Gefühl für die unverminderte Aktualität der romantischen Gedankenwelt.

Der besondere Klang spielte in der Romantik eine große Rolle. Auch ihn wollen wir in unserem Konzert neu entstehen lassen. In romantischer Dichtung findet man oft das Wort vom „Zauberklang“: kristallen, ausdrucksstark bis zum Schmerz, von übermenschlicher Schönheit. Das Bandoneon entstand um 1850 herum. Man könnte sagen, die romantische Musik hat diese Entwicklung notwendig gemacht.

Jedenfalls hätten die Romantiker das Bandoneon geliebt!

Hier ist das Video:

 

… und hier zwei Kritiken:

Kritik Südwestpresse

Kritik Südkurier

 

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