Ritt über den Bodensee – Videoproduktion in einem Tag: Ton

10:00 Uhr: 2h Probe – Aufbau für Tonaufnahme – Mikrofoncheck – 2h Tonaufnahme – schnell Mittagessen – 15:00 Uhr: Tonschnitt – Aufbau für Filmaufnahme – Einleuchten – Umziehen – Kameras einrichten – Dreh – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh – Umziehen – 19:30 Uhr: Statisten einweisen – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh – Einleuchten – Kameras einrichten – Dreh…

…gegen 21:15 meinte Stephan trocken: „Also, ich hab’ alles.“

Das Video Through Darkness – Teaser wurde tatsächlich an einem einzigen Tag aufgenommen!

Trotz minutiöser Vorplanung, trotz Musik, die so geschrieben ist, dass sie auf Anhieb funktioniert und trotz der unschätzbaren Hilfe einer motivierten Techniker-Crew war es die ultimative Prüfung für den künstlerischen Teamgeist unseres Ensembles.

Jeder Musiker bekam im Vorfeld seine Noten und bereitete sich vor, ohne genau zu wissen, was die anderen spielen. Wir trafen uns kurz vor 10 Uhr am Aufnahmetag in der Stadthalle Singen und hatten knappe 2 Stunden für die musikalische Probe. Ich selbst hatte nicht nur die Musik geschrieben und war der musikalische Leiter, sondern spielte auch noch Klavier bei unserer Aufnahme.

Mit der Sitzordnung ging’s los: Stephan hat ein wunderbares Gespür, meine Arrangements in Aufnahmen räumlich und orchestral klingen zu lassen – großes Kino für die Ohren. Er platzierte die Musiker in einer Reihe nebeneinander und mit soviel Abstand wie möglich. Instrumentengruppen, die musikalisch zusammen gehören, wurden getrennt, weil das räumlich den viel besseren Klang ergibt. Das Klavier stand in der Reihe ganz links außen, abgewandt, falsch rum, den Deckel geöffnet in Richtung Seitenbühne.

Nun wollte ich unser Ensemble durch Probe und Aufnahme führen – schließlich hatten wir dieses Stück noch nie zusammen gespielt – aber ich konnte die Kollegen kaum hören und sie konnten mich nicht sehen!

Was dann passierte, war eines der beglückendsten Kammermusik-Erlebnisse, die man sich vorstellen kann. Jeder von uns Musikern schwamm, weil die Sicherheit des gegenseitigen Hörens und des gegenseitigen Sehens fehlte. Jeder öffnete daraufhin alle Sinne, fühlte sich hinein in die Musik und ins Ensemble. In kürzester Zeit war die musikalische Richtung klar. Feinheiten im Zusammenspiel, die sonst reichlich Probenzeit beanspruchen, waren beim dritten Spielen der Stelle perfekt. Innerhalb einer Viertel Stunde begann die Musik aus sich heraus zu leben, gleichmäßig befeuert von der emotionalen Kraft jedes einzelnen Künstlers.

Stephan führte uns durch die Aufnahme, es hatte was vom perfekten Ritt ohne Sattel und Zaumzeug. Recht schnell war er zufrieden und meinte, wir könnten in die Mittagspause gehen.

Ich saß auf glühenden Kohlen, denn ich konnte von meiner Position aus nicht hören, wie mein Arrangement klang! Ich wollte noch mindestens 3 ganze Takes aufnehmen und 5 Stellen absichern… aber ich wurde überstimmt.

Keine Ahnung, was ich gegessen habe, ich weiß nur noch, mit welch komischem Gefühl in der Magengrube ich nach dem Essen die Kopfhörer aufsetzte und wie ein Delinquent darauf wartete, dass Stephan mir etwas von unserer Aufnahme auf die Ohren gab.

Glücklicherweise waren alle irgendwie beschäftigt. Auch Stephan guckte konzentriert in die Noten. So sah keiner, wie meine Augen feucht wurden…

Was für ein Gefühl! Was ich mir in meinem Kopf ausgedacht hatte, hatte sich unser Ensemble kollektiv zu eigen gemacht und jeder hatte durch die Zugabe seiner Persönlichkeit noch eigene, erweiternde und bereichernde Details beigesteuert.

Ich brauchte eine Pause. Ich legte den Kopfhörer weg und sagte Stephan, er solle den Schnitt alleine machen – da brauchte ich nicht mehr dazwischenfummeln.

Im Endeffekt gab es dann einen einzigen Schnitt in der gesamten Nummer. Jeder, der schon mal in einem Studio war, weiß, was das bedeutet…

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Ritt über den Bodensee – Videoproduktion in einem Tag: Bild

Welche Vorbereitung braucht es, um den „authentischen Moment“ einzufangen?

Die Techniker bauen das Licht um, Schienen werden verlegt für eine Kamera, an einem langen Kran wird eine andere Kamera befestigt, Stephan kauert sich mit der dritten Kamera halb unters Klavier.

Wir Musiker sitzen an unseren Instrumenten und warten. Dann geht das Licht an: 3  – 2 – 1 – wir spielen. Versuchen, uns wie bei der Tonaufnahme ganz in die Musik zu versenken. Nicht so einfach, wenn die Kamera schräg unter der Tastatur hervorguckt und ein Scheinwerfer mitten ins Gesicht blendet. Douglas fragt: „Ich habe im dritten Takt so eine Bewegung mit dem Arm gemacht, soll ich die jetzt bei jedem Take wieder machen?“ Stephan meint: „wäre gut!“

Was Stephan beim Dreh gemacht hat, begreife ich erst, als ich einige Wochen später die Bilder am Rechner sehe: Er hat Situationen nicht abgefilmt, sondern Bilder erschaffen. Wie ein Musiker weiß, was er hören will, bevor er einen Ton spielt, so wußte Stephan schon, wie seine Bilder aussehen werden, als wir noch an den Instrumenten saßen und auf das Licht warteten.

So fügt sich alles zusammen. Eben Kammermusik.

Hier ist das Video: