Gewinnt Oper durch Video?

Es war eine sonderbare Aufgabe: Für eine Produktion meines Opernspiels „Leporellos Tagebücher“ in Skandinavien wurde ich gebeten, einen Gastauftritt für einen Heldentenor in das vorhandene Stück einzubauen. Bei Fledermaus-Vorstellungen an Sylvester werde so etwas ja auch oft gemacht…

„Gastauftritt“ bedeutet für den dramatischen Aufbau eines Werkes normalerweise das Ende: keine Figur, die man einführen, entwickeln und die das Publikum durchs Stück begleiten kann, sondern einfach: Vorhang auf, jemand ist da und singt, verbeugt sich und ist wieder weg. Vorhang zu. Willkommen in der Gala.

Da „Leporellos Tagebücher“ eine moderne Interpretation des „Don Giovanni“ von Mozart und DaPonte ist, in dem aber die Rolle des Tenors Don Ottavio nicht vorkommt, kam noch der Vorschlag: „Du kannst doch einfach den Ottavio wieder reinnehmen!“

Aus guten Gründen streiche ich also diese Rolle aus meinem Stück (das, nebenbei bemerkt, völlig anders aufgebaut ist als der „Don Giovanni“ und ohne „Ottavio“ hervorragend funktioniert), um sie dann für einen Sänger wieder reinzuschreiben, der noch dazu ein völlig anderes Stimmfach ist?

Es muss eine andere Möglichkeit geben… ein anderes Medium: Video!

Die [OPERASSION]-Produktion des Werkes (2007-10) enthielt einige Videos und dieses Konzept soll auch bei der neuen Inszenierung beibehalten werden. Die Besetzung ist bis auf den „Don Giovanni“ neu, in Folge dessen müssen auch die Videos neu produziert werden.

Auf diesem Wege könnte ich eine Figur einfügen, einen Mythos, ein Symbol, das dann plötzlich auf der Bühne steht und singt. Die Gefahr, in eine Gala abzurutschen wäre gebannt und es bestünde sogar die Chance, eine zusätzliche Bedeutungsebene im Stück einzuziehen.

Die Frage ist, ob das Medium „Musikvideo“ dazu in der Lage ist.

Es ist. Und sogar in größerem Umfang als „reines“ Musiktheater.

Die symbolische Überhöhung von Figuren oder Requisiten auf der Opernbühne scheitert normalerweise daran, dass Oper an sich eine Tendenz hat zur symbolischen Überhöhung. Ursache ist das verlangsamte Schauspiel mit vergrößerten Gesten.

Diese gewisse theatrale Gewichtigkeit entsteht, weil die Sprache eines Schauspiels durch die Vertonung meist wiederholt und inhaltlich gedehnt wird. Die Darsteller müssen viel Zeit mit wenig Text füllen, sie flüchten in die allseits beliebten „Operngesten“.

Nun wäre aber eine große, langsame Geste das Mittel, um einer Handlung auf der Bühne die besondere Bedeutung zu verleihen. Wie gerade geschildert, ist dieses Pulver längst verschossen. Wer in der Oper versucht, hier noch einen drauf zu setzen, macht sich lächerlich.

Nicht so im Medium Film.

Sprache, Musik und visuelle Informationen werden in unserem Gehirn völlig unterschiedlich verarbeitet.

Während Sprache (oder auch Text) quasi ungebremst und Eins zu Eins als Information ankommt, bekommt Musik als Erstes im limbischen System einen Emotions-Eingangsstempel verpasst.

Bewegte Bilder aber werden instinktiv einer komplexen Analyse unterzogen: wer ist das? was macht der da? warum macht er das? welche Bedeutung hat diese Handlung? welche Auswirkung hat diese Handlung? …?

(Aus diesem Grund ist nicht nur das Medium Film so populär, sondern in ihm auch die Sparte Krimi: es geht um das existentielle Bedürfnis, die menschliche Neugier zu befriedigen)

Der Zuschauer kann nicht anders, als sich eingehend mit dem Inhalt von Videos zu beschäftigen, welche die Handlung auf der Bühne begleiten. Mit Hilfe von Video kann man in das Stück eine zusätzliche Ebene symbolischer Bedeutungen einziehen.

Wahnsinn! Das verrufenen Pop-Medium „Musikvideo“ bringt der Oper die gedankliche Tiefe, die sie als Hochkultur immer schon für sich reklamiert hat!

Wie geht das?

In der Ouvertüre erzählt ein Video von Leporellos Flucht („Leporellos Tagebücher“ beginnt dort, wo „Don Giovanni“ aufhört). An sich nichts Besonderes, aber wir sind auf einer Insel, man kann von hier nicht fort. Ein kleines Boot draußen auf der See wird zum Symbol für den Wunsch, zu entfliehen.

Wenn ich dieses Thema im Laufe des Stückes in immer wieder neuem Kontext aufnehme, ändert sich die Bedeutung der Dinge: die Insel wird zum Symbol für Leporellos Umgang mit seiner eigenen Schuld, der er entkommen will.

Wenn der Fährmann nun in seinem Gastauftritt zu einem Albtraum-Video aus Mozarts Requiem zitiert, führt der Ausweg über das Boot plötzlich in eine Richtung, in die Leporello auf keinen Fall gehen will. Nur im Tod könnte er seiner Schuld entkommen – das Boot verheißt nicht mehr Erlösung, sondern Ende. Leporello muss da weg!

Indem ich einige Videos dazu nutze, die Figur des Fährmanns einzuführen, ermöglicht mir der „Gastauftritt“ die tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema der Oper: Schuld.

Wie Don Giovanni zu seiner Verantwortung steht, haben Mozart und DaPonte in ihrem Jahrhundertwerk überwältigend thematisiert. Wie Leporello am gleichen Problem knabbert, kommt bei ihnen nicht vor. Das Medium Musikvideo öffnet hier ein Fenster. Das finde ich spannend…

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