Marlene Dietrich und die Wahrheit über Johnny

Zur Zeit arbeite ich an einer Revue über Friedrich Hollaender. Das Stück wird im Herbst im Theater „Die Färbe“ in Singen rauskommen. Die Musik stammt von Friedrich Hollaender (klar!), wird aber von mir bearbeitet und für ein Quartett von Bandoneon, Geige, Klavier und Bass neu instrumentiert. Neben der Instrumentation ist auch Bearbeitung nötig, schon um dem Theaterabend eine Form zu geben, die über das Aneinanderreihen einzelner Nummern hinausgeht.

Die meisten Werke Friedrich Hollaenders sind leider nur als rudimentäre Klavierfassung erhältlich. Ich muss mir also einiges dazu- und von Fall zu Fall auch weg-denken, um zu einer überzeugenden Fassung zu kommen. Normalerweise bearbeite ich ausschliesslich auf Basis der Partitur, aber wegen des unvollständigen Notenmaterials bin ich diesmal gezwungen, mir alte Aufnahmen anzuhören – und da beginnt mein Problem:

Zum Beispiel „Johnny, wenn Du Geburtstag hast“, einer der großen Marlene-Dietrich-Klassiker. Im Netz steht u.a. das Video ihres Pariser Konzerts von 1963. Unter dem Video eine endlose Reihe begeisterter Kommentare. Ich möchte keinem Marlene-Dietrich-Fan zu nahe treten, aber ich finde ihre Version einfach unerträglich.

Ich dachte also darüber nach, ob wir solch einen Käse überhaupt spielen sollten. Dann, wie ich das Ganze ironisieren könnte, damit es nicht mehr ganz so weh tut. Dann habe ich mir die Klavierfassung angeschaut, und nicht schlecht gestaunt: Das ist ein ganz anderes Stück!

– Die Dietrich singt nur den Refrain der ersten Strophe (naja, eigentlich singt sie nicht, aber das ist ein anderes Thema), nochmal, nochmal, …und nochmal.

– Der Song ist kein erotisches Versprechen, sondern die Erzählung einer unglücklichen Liebe!

– Es geht um Sehnsucht.

– Die geniale Pointe der dritten Strophe: sie handelt vom Geburtstag des kleinen Johnny! Seine Mutter erzählt ihm vom verschollenen Vater. Die vermeintliche Erotik der „ganzen Nacht“ entpuppt sich als Metapher für die Sehnsucht nach Nähe und nach gemeinsamem Leben. Mit Ironie und Eleganz führt uns Hollaender zunächst in die Irre und beschämt stellen wir fest: das Verruchte war dann doch wohl eher unsere eigene Fantasie!

Als Bearbeiter befinde ich mich spätestens jetzt in Teufels Küche! Die Dietrich-Fassung ist übermächtig. Jeder, der sich für Friedrich Hollaender interessiert, erwartet bei „Johnny, wenn Du Geburtstag hast“ eine mehr oder weniger gute oder auch mehr oder weniger ironische Dietrich-Kopie.

Aber der Song ist WIRKLICH GUT! Er ist vielschichtig, nimmt seine Hörer mit auf eine Reise, führt sie wunderbar in die Irre und hält ihnen anschliessend scheinbar naiv und unschuldig den Spiegel vor. Das ist großes Kabarett!

Die zentrale Frage bei jeder Bearbeitung: diene ich der Idee des Originals oder will ich eine Erwartung erfüllen? Und was ist eigentlich die „Idee des Originals“? Liegt die Wahrheit in den Noten oder in dem, was alle im Ohr haben? (Die Eindeutigkeit unserer Notenschrift ist dabei auch noch ein Thema)…

Im konkreten Fall gehe ich von Friedrich Hollaenders Klavierfassung aus. Auf die Reaktionen des Publikums im Herbst bin ich gespannt!

Vielleicht werde ich eine Strichliste führen:

☉toll, diese Pointe, und die Sehnsucht…. das Lied ist ja eine ganze Welt!

☉enttäuschend, die Dietrich war viel erotischer – und was soll das Kind in der letzten Strophe?

Ich halte Euch auf dem Laufenden!

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Update zu Marlene: Überraschung!

Offensichtlich waren meine Sorgen unnötig: der Song kommt prima an und wird sogar in den Kritiken ausdrücklich positiv erwähnt.

(Kritik1)             (Kritik2)

…durchaus angenehm, sich auf diese Weise zu irren.

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2. Update zu Marlene: Nominiert!

Unsere Produktion wurde eingeladen zu den Privattheatertagen in Hamburg und ist nominiert für den Monika-Bleibtreu-Preis 2016.

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