Ist Instrumentation Design?

„Design is how it works! (Steve Jobs)

Dieser berühmte Satz über Industriedesign ist, bezogen auf die Musik, eine tiefe Erkenntnis: das Verhältnis zwischen Struktur (=Tonsatz) und Oberfläche (Instrumentation) ist anders als erwartet.

Musik ist Klang, Klang ist Emotion – trotzdem trennt jeder nach Qualität suchende Musiker, Kritiker oder Komponist reflexhaft die Struktur vom Klang, um sich dann auf die Struktur zu stürzen und den Klang als Äußerlichkeit links liegen zu lassen. Je „absoluter“ Musik ist, d.h. je mehr sie „Struktur an sich“ ist, je unabhängiger von konkreter Instrumentation, desto höher wird ihre Qualität eingeschätzt. Als Non-plus-ultra gilt Bachs Kunst der Fuge. Gut. Das ist ein Werk zum Niederknien, aber ist es der einzige Weg, den Musik beschreiten kann?

Wo kommt sie her, die Musik? Zunächst einmal aus den Tiefen konkreter Emotion. Ein Seufzer, ein Weinen, ein Jauchzen werden vor jeder Sprache verstanden. Dazu die unmittelbare Körperlichkeit des Rhythmus’: Atmen, Laufen, Lieben, der Herzschlag…

Aus diesen Quellen entwickelte sich unsere abendländische Musik zu einem hochkomplexen, enorm vielschichtigen und hoch artifiziellen Gebilde, das trotzdem immer noch als eine Art emotionaler Meta-Code über verschiedenste Kulturkreise und Sprachräume hinweg verstanden wird. Und wie wird der Code übertragen? Mit Hilfe des Klangs!

Der glückliche Quietscher eines Kindes KLINGT anders als das verzweifelte Schluchzen einer Frau, obwohl es in etwa auf der gleichen Tonhöhe passiert. Unterschiedliche Klänge werden als unterschiedliche Bedeutungen erkannt. Von Allen. Ohne je darüber nachgedacht zu haben.

Sängerin X und Y singen die gleiche Arie. X lässt uns kalt, Y berührt uns. Mit der ganz persönlichen Farbe ihrer Stimme. Das Bandoneon kann uns mit einem einzigen langgezogenen Ton die Tränen in die Augen treiben. Der heroische Effekt, wenn auf dem Höhepunkt einer Tschaikowsky-Sinfonie das volle Blech dazukommt, lässt sich auch durch eine Hundertschaft todesmutiger Blockflötisten nicht erzeugen. Die Klangfarbe macht den Unterschied.

Klingt eigentlich banal… und löst doch den Konflikt zwischen Unterbau und Oberfläche: mithilfe der Instrumentation – der Übersetzung von abstrakter musikalischer Struktur in konkreten Klang – wird die Struktur emotional erfahrbar.

Seit es ein halbwegs genormtes (und verlässliches) musikalisches Instrumentarium gibt, experimentieren Komponisten mit dessen Erweiterung. Die persönliche Aussage ihrer Linien soll persönlich klingen und intuitiv verstanden werden. Bei Kompositionen von Richard Strauss, Maurice Ravel und Claude Debussy – um nur einige wenige zu nennen – lassen sich Tonsatz und Instrumentation nicht mehr von einander trennen. Strauss’ Musik ist nicht „eingekleideter Tonsatz“. Sie ist in Klangfarben komponiert.

Um klar zu machen, was ich meine, schlage ich folgendes Experiment vor: überredet einige Pianisten, die Ihr kennt (man braucht dazu mindestens 3), eine beliebige Strauss-Partitur (z.B. Rosenkavalier, oder auch Elektra) auf mindestens 2 Flügeln zu spielen. Und zwar so, dass nicht nur ALLE Stimmen wirklich gespielt werden, sondern auch ALLE STIMMEN GLEICH LAUT. Was folgt, ist Chaos!

Wohin ist die Eingängigkeit, die wunderbare Süffigkeit der Strauss’schen Musik verschwunden? Die Pianisten werden abbrechen, weil sie glauben, falsch gespielt zu haben. Haben sie aber nicht. Strauss hat das so komponiert. Aber er hat es anders instrumentiert. Er gewichtet Haupt- und Nebenstimmen durch die Wahl der Instrumente, unterscheidet wie ein Maler zwischen Vorder-, Mittel- und Hintergrund. (Anders als in der Malerei decken in der Musik helle Farben die dunkleren). Klanggemälde bedeutet nicht „besonders opulent“ sondern „besonders gut durchstrukturiert“. Strauss’ Musik ist nicht gut instrumentiert, sie ist so komponiert!

Instrumentation ist aber nicht nur ein wesentlicher Bestandteil vieler Kompositionen – im Bereich der Interpretation eröffnet sie eine ganze Neue Welt.

Ein Interpret versucht, die Linien eines Werkes zu persönlichem Leben zu erwecken, harmonische Wendungen nachvollziehbar zu machen, „die Erzählung“ der Komposition aufleben zu lassen.

Davon lebt die Musik.

Instrumentation erweitert den „Werkzeugkasten“ musikalischer Interpretation und vervielfacht die Möglichkeiten.

Nur ein einziges Beispiel:

Eine Linie, deren Emotion so stark wird, dass sich aus ihr eine zweite abspaltet:

  • zwei Streichinstrumente? … „naja, tausendmal gehört: der Klang ist ähnlich, ich nehme das nicht als etwas Besonderes wahr – außerdem kenne ich ja das Stück.“
  • ein Streichinstrument und ein Bandoneon? … „wow, diese Überblendung, der Farbwechsel! …die Eine entwickelt sich aus der Anderen, aber im Weiteren kann ich beide klar verfolgen: DAS also wollte der Komponist mir erzählen! – ich glaube, SO habe ich das noch nie gehört.

Letzten Sonntag sprach mich eine Konzertbesucherin auf meine Bearbeitungen an. Hamburgerin. Sie brachte die Sache auf den Punkt:

„Man wird plötzlich so wach!“

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