Historisch unkorrekt – a.)

Woher kommt der Glaube, dass die Uraufführung eines Werkes das Ideal ist, dem alle nachfolgenden Aufführungen nachzueifern haben?

Bevor ich mich hier auf vermintes Gelände begebe, berichte ich von Uraufführungen, an denen ich selber beteiligt war. Auch wenn alle sich redlich bemühten, war die Uraufführung doch nie mehr als eine Bestandsaufnahme des gegenwärtig Machbaren.

Um die Jahrtausendwende experimentierten viele Komponisten mit elektronischer Klangerzeugung. Wenn solch ein Werk dann einige Jahre nach seiner Entstehung uraufgeführt werden sollte, gab es den Synthesizer, dessen Klänge der Komponist beim Verfassen seiner Partitur benannt hatte, gar nicht mehr! Also probierte man rum, behalf sich mit etwas anderem…

Es gibt auch Stellen, die so wie geschrieben, einfach nicht spielbar sind. Dahinter mag ein großer Gedanke stehen, aber es funktioniert nicht. Der Dirigent greift ein und ändert die Passage, manchmal sogar massiv. Dann kommt der große Moment: der Komponist sitzt in einer der Endproben! Die fragliche Stelle ist gespielt, das Orchester verstummt. Betretene Stille. Mühsam arbeitet sich der Komponist (meist ein älterer Herr und nicht mehr allzu gelenkig) durch die Stuhlreihen zum Dirigentenpult. Als er Reihe Drei erreicht, beginnt er wild mit den Armen zu fuchteln, schreit beinahe: „Also!…“ Die Musiker zucken zusammen. Der Dirigent grinst unterwürfig. Der Komponist ringt nach Atem: „Also!…“ Immer noch keine Luft. Er schluckt. Wirft Kusshände! „Genau so habe ich mir das vorgestellt!“ … Jetzt grinsen die Musiker.

Glaubt mir, ich könnte viele solcher Beispiele anfügen! So witzig und vorhersehbar diese Situationen jedes mal sind, bedeutet keine dieser Pannen, dass der Komponist sein Handwerk nicht verstünde, oder dass sein Werk nicht bedeutend wäre. Diese Fragen kann ein Zeitgenosse nicht beantworten.

Diese Anekdoten zeigen, wie komplex die Materie ist – und dass einiges dessen, was sich bei großen Werken im Laufe vieler Aufführungen als „Tradition“ eingebürgert hat, eventuell gar nicht so dumm ist.

Nicht immer ist der „Urtext“ die beste Fassung!

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Historisch unkorrekt – b.)

Warum gestehen wir Komponisten, deren Werke uns auch noch Jahrhunderte nach ihrem Tod faszinieren, keine klangliche Vorstellungskraft zu?

Nehmen wir als Beispiel Beethoven und die 5.Sinfonie. Sie wurde zusammen mit der 6.Sinfonie, dem Klavierkonzert Nr. 4, Teilen der Messe in C-Dur und der Chorfantasie am 22. Dezember 1808 im Theater an der Wien uraufgeführt. Ein zeitgenössischer Kritiker schrieb über diese Aufführung: „Sänger und Orchester waren aus sehr heterogenen Theilen zusammengesetzt, und es war nicht einmal von allen auszuführenden Stücken, die alle voll der größten Schwierigkeiten waren, eine ganze vollständige Probe zu veranstalten, möglich geworden.“ …autsch!

War das der Klang, den Beethoven sich vorgestellt hatte? Abgesehen davon, dass er ihn wahrscheinlich sowieso nicht mehr richtig hören konnte – sicher nicht! Wie gering muss man die Vorstellungskraft eines Komponisten einschätzen, um ihn auf die mickrigen Umstände, schlechten Instrumente und überforderten Musiker seiner realen Aufführungen zu reduzieren.

Wer sich historisch informieren möchte, dem rate ich, sich einen Pianisten zu suchen und mit diesem in ein Museum zu gehen. Man setze ihn an einen beliebigen Flügel eines Baujahrs vor 1825 und bitte den Pianisten, eine der vier letzten Klaviersonaten von Beethoven zu spielen.

Zwei Dinge werden passieren: innerhalb kürzester Zeit wird ein empörter Saalordner angerannt kommen und der Pianist wird feststellen, dass diese Werke auf einem Instrument aus ihrer Entstehungszeit nicht spielbar sind.

Beethovens klangliche Vorstellungskraft ging also über seine reale Umgebung (und über seine Zeit) hinaus. Ach so.

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Historisch unkorrekt – c.)

Seit wann glauben wir, dass die Uraufführung eines Werkes das Ideal ist, dem alle nachfolgenden Aufführungen nachzueifern haben?

Sehr lange jedenfalls noch nicht. Von Gustav Mahler sind Retuschen in Mozarts Oper Figaros Hochzeit überliefert. In Schuberts großer C-Dur-Sinfonie gibt es die Furtwängler-Retusche in den Posaunen. Furtwängler lebte (komponierte und dirigierte) immerhin bis 1954. Andere Künstler waren noch mutiger: Busoni schrieb eigene Fassungen Bach’scher Werke.

Schönberg und Liszt gingen den Weg zu Ende und gossen die Musik ihrer Vorgänger in den Klang ihrer eigenen Zeit. Liszts Transkription der 5. Sinfonie von Beethoven für Klavier solo steht dem Original in nichts nach. Liszt transportiert Inhalt, Aussage, Spannung und Emotion des Originals zu 100% vom Orchester ins Klavier.

Aber es kommt noch besser: wenn ein einziger Pianist in fast übermenschlicher Anstrengung all das spielt, wofür sonst ein ganzes Orchester benötigt wird, erscheint der „Kampf mit dem Schicksal“ – den Liszts Epoche in Beethovens Werk sah – noch greifbarer als im Original!

Liszt beamt durch seine Bearbeitung Beethovens Sinfonie von der Klassik in die Romantik, in seine Gegenwart. Er schafft es, ohne das Werk zu verstümmeln. Wie ein guter Interpret holt er alles aus dem Werk selbst. Er gibt nur einen neuen Klang hinzu.

Ein Weg, Konzerte aktuell und spannend zu machen!

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